Im Fokus
Annette Windlin lebt ihre Leidenschaft für das Theater
Annette Windlin ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Das Theater begleitet sie seit vielen Jahren und bietet ihr immer wieder neue Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Ob sie selbst auf der Bühne steht oder andere Menschen dorthin führt: Die Arbeit mit Figuren und Menschen steht für sie im Mittelpunkt.
Als Regisseurin des «Spatenstich – Das zweite Morgartenspektakel» brachte Annette Windlin beim Morgartendenkmal im Kanton Zug eine grosse Geschichte auf die Bühne. Geschichten zu erzählen und Menschen damit zu begeistern, war schon immer ihre Leidenschaft. Dass sie schliesslich in dieser Welt landete und nicht etwa beim Film, bezeichnet sie rückblickend als Zufall. Ihre Begeisterung für die Bühne hingegen war alles andere als zufällig. Schon früh zog es sie zum Spielen und Gestalten. Ihre Eltern waren allerdings der Meinung, dass sie zuerst einen Beruf erlernen sollte. So führte ihr Weg zunächst ans Lehrerseminar. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin arbeitete sie eine Zeit in ihrem erlernten Beruf, bevor sie sich zunehmend dem Theater zuwandte. Es folgte die Ausbildung an der Scuola Teatro Dimitri in Verscio. Damit nahm ein Weg seinen Lauf, der sie bis heute als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin prägt. Ganz losgelassen hat Annette Windlin ihren ursprünglichen Beruf dennoch nie. Zwar unterrichtete sie keine Primarschülerinnen und -schüler mehr, doch das Vermitteln und Unterrichten gehörten weiterhin zu ihrem Alltag. Sie arbeitete bis Sommer 2026 als Theaterpädagogin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Schwyz und leitete auch den Dienstleistungsbereich Theater. Die Erfahrungen aus diesen unterschiedlichen Tätigkeiten ergänzen sich und fliessen auch in ihre Arbeit als Regisseurin ein.
Besonders gerne arbeitet Annette Windlin mit Laiendarstellerinnen und Laiendarstellern. Die Zentralschweiz verfüge über eine wunderbare Laientheaterkultur, sagt sie. Die Fasnacht und die zahlreichen Theatervereine tragen dazu bei, dass das gemeinsame Theaterspielen in der Region einen festen Platz habe. Gerade diese Vielfalt reizt sie. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen und aus ihren individuellen Fähigkeiten, ein gemeinsames Ganzes entstehen zu lassen, gehört zu den Aufgaben, die sie an ihrer Arbeit besonders schätzt. Als Regisseurin trägt sie dabei eine grosse Verantwortung. Bei Produktionen wie «Spatenstich – Das zweite Morgartenspektakel» oder den Tellspielen 2024 beginnt die Zusammenarbeit mit dem Team lange vor der eigentlichen Premiere. In Castings, die sie lieber als Trainings versteht, lernt sie die Mitwirkenden kennen. Während rund einer bis eineinhalb Stunden beobachtet sie, wie sich die Teilnehmenden auf der Bühne bewegen und welche Wirkung sie entfalten. Über die Jahre habe sie ihre Wahrnehmung dafür geschärft, worauf es bei einer Besetzung ankomme. Neben Erfahrung und Beobachtung verlässt sie sich dabei auch auf ihr Bauchgefühl. Manchmal gebe es Menschen, die auf der Bühne einfach die Blicke auf sich ziehen und die ganze Aufmerksamkeit auf sich vereinen. Sind die Rollen verteilt, geht es darum, aus den einzelnen Mitwirkenden eine Gemeinschaft zu formen. Alle sollen füreinander da sein und sich gegenseitig unterstützen. Als Regisseurin müsse sie die Fäden in der Hand halten, den Schauspielerinnen und Schauspielern aber gleichzeitig auf Augenhöhe begegnen. Wertschätzung und Respekt seien dabei zentral. Sie müsse bestärken und fordern, manchmal auch kritisieren. Entscheidend sei, dass Kritik nicht persönlich genommen werde, sondern als Anregung für die Arbeit verstanden werde. Ihre Erfahrung als Theaterpädagogin und damit verbunden ihr Wissen über Kommunikation und ihre unterschiedlichen Theorien helfen ihr, die Menschen zu erreichen und die richtigen Impulse zu setzen. Denn wie das Gesagte beim Gegenüber ankommt, muss gut durchdacht sein. Wenn nach vielen Proben die Premiere näher rückt, kommt ein besonderer Moment. Hinter der Bühne wird das Stück symbolisch den Schauspielenden übergeben – das «Baby», wie Annette Windlin es nennt. Von diesem Augenblick an liegt es in den Händen der Menschen auf der Bühne. Während der Aufführungen kann sie als Regisseurin nicht mehr eingreifen. Sie hat ihre Arbeit getan und muss darauf vertrauen, dass das gemeinsam Erarbeitete seinen Weg nimmt. Auch in Zukunft wird sie sich neuen Geschichten widmen. Für die Tellspiele 2028 übernimmt Annette Windlin zum zweiten Mal die Regie. Das sei eine grosse Ehre, sagt sie. Für die neue Inszenierung hat sie die Arbeit bereits begonnen. Sie ist gemeinsam mit der Dramaturgie daran, die Fassung in Dialekt zu übertragen und wagt sich dabei an eine jambische Form. Es ist ein Vorhaben, das zeigt, wie gerne sie sich künstlerisch auf neue Wege begibt.
Neben ihrer Arbeit hinter der Bühne steht Annette Windlin immer wieder selbst im Rampenlicht. In eigenen Produktionen schlüpft sie in unterschiedliche Figuren und vereint deren Charaktere in sich. So war sie beispielsweise in «Der Besuch der alten Dame – Ein Solo» zu sehen. Dabei verändert sich auch ihre Perspektive: Steht sie selbst auf der Bühne, tritt die Regisseurin in den Hintergrund und überlässt der Schauspielerin das Rampenlicht. Für die Inszenierung ihrer eigenen Stücke übernimmt ein Regisseur die Verantwortung, denn es ist unmöglich, gleichzeitig Spielerin und Regisseurin zu sein. Der Blick von aussen ist zwingend. Mit «Ubu Roi» steht bereits das nächste Projekt an. Die Produktion wird im Herbst 2027 auf die Bühne kommen. Langweilig wird es Annette Windlin also nicht. Sie wechselt zwischen den Rollen, entwickelt neue Ideen und bringt Menschen zusammen, um gemeinsam Geschichten zu erzählen. Ihr Weg zum Theater mag ein Zufall gewesen sein. Die Leidenschaft, die sie dort gefunden und über all die Jahre bewahrt hat, ist es ganz bestimmt nicht.
Michael Schwegler
Lade Fotos..